KI-generiert?
Dann kann es ja nichts taugen.
Seit dem 2. August 2026 beschäftigt uns in Europa die Kennzeichnung von KI-generierten und KI-veränderten Inhalten.
Was wann, wie und möglicherweise warum gekennzeichnet werden muss, haben wir bereits ausführlich in unserem Artikel zur KI-Kennzeichnung auf vom-hofe.de beschrieben. Und vermutlich werden erst einige Rechtsstreitigkeiten endgültig klären, wo normale Bearbeitung aufhört, wo KI beginnt und wann aus Gestaltung tatsächlich Täuschung wird.
Aber inzwischen beschäftigt mich eine ganz andere Frage: Wird die Kennzeichnung selbst irgendwann zum negativen Qualitätsmerkmal?
Wenn das Etikett wichtiger wird als das Ergebnis
Stellen wir uns zwei Bilder vor. Beide sehen hervorragend aus. Unter Bild Nummer eins steht nichts. Unter Bild Nummer zwei steht: „KI-generiert“.
Welches Bild wird kritischer betrachtet?
Ich fürchte, die Antwort kennen wir. Plötzlich werden Finger gezählt. Haut wird untersucht. Schatten werden verdächtig. Perspektiven geprüft. Irgendetwas muss doch falsch sein. Schließlich war KI im Spiel.
Beim Text funktioniert es ähnlich. Steht irgendwo „mit künstlicher Intelligenz erstellt“, wird plötzlich jeder Satz misstrauisch beäugt. Dabei wäre die eigentlich interessante Frage doch eine völlig andere: Ist der Text gut oder schlecht?
Dabei ist sowieso alles Fake
Jetzt spricht der Fotograf in mir.
Was ist denn heute noch ein „echtes“ Bild?
Das Smartphone öffnet Augen, glättet Haut, korrigiert Farben und kombiniert mehrere Aufnahmen zu einem einzigen Foto. Bei einem professionellen Portrait verschwinden Pickel, Falten und Augenringe. Vielleicht wird die Nase ein wenig korrigiert und das Doppelkinn nimmt einen diskreten Abschied.
Das Ergebnis landet anschließend bei Tinder. Ob es der Wahrheit entspricht, stellt sich spätestens beim ersten Date heraus.
In der Industriefotografie ist es nicht anders. Störende Kabel verschwinden, Träger werden entfernt, Oberflächen werden gesäubert, Maschinen werden freigestellt. Manchmal entsteht aus mehreren Aufnahmen ein einziges Bild, weil sich eine komplette Anlage fotografisch überhaupt nicht sinnvoll in einer Aufnahme darstellen lässt.
Alles Manipulation. Alles Gestaltung. Und heute teilweise: AI MODIFIED.
Die Frage ist nur: Ist das automatisch schlecht?
Wo die rechtlichen Grenzen dabei liegen, haben wir bereits ausführlicher in unserem Artikel zur KI-Kennzeichnung auf vom-hofe.de behandelt. Hier geht es bewusst um etwas anderes: Qualität.
Wichtig ist doch, was hinten rauskommt
Genau hier liegt für mich der Denkfehler.
Wir beurteilen plötzlich das Werkzeug und nicht mehr das Ergebnis.
Ein schlechter Text bleibt ein schlechter Text, auch wenn ein Mensch acht Stunden eigenhändig daran geschrieben hat. Ein guter Text wird nicht schlechter, nur weil ChatGPT beim Aufbau geholfen hat.
Ein langweiliges Foto wird nicht zur Kunst, weil ein Fotograf höchstpersönlich auf den Auslöser gedrückt hat. Und ein starkes Bild wird nicht automatisch schlecht, weil Teile davon generiert wurden.
Am Ende interessiert mich als Unternehmer eigentlich nur:
Was kommt hinten raus?
Leonardo hätte vermutlich auch „AI MODIFIED“ bekommen
Nehmen wir die Mona Lisa.
Leonardo da Vinci hat kein Passfoto von Lisa del Giocondo gemalt. Er hat interpretiert. Er hat Licht gestaltet, Formen beeinflusst, idealisiert und entschieden, was der Betrachter sehen soll.
Niemand stellt heute ein Schild daneben: „Achtung, künstlerisch modifiziert.“
Die bildende Kunst hat die Wirklichkeit noch nie einfach nur kopiert. Fotografie übrigens auch nicht.
Schon die Wahl des Objektivs verändert die Wahrnehmung. Die Perspektive verändert sie. Das Licht verändert sie. Der Ausschnitt verändert sie. Ein Fotograf entscheidet permanent, was der Betrachter sehen soll und was nicht.
KI hat dieses Prinzip nicht erfunden.
Sie macht es nur erheblich schneller.
Und manchmal ist die KI einfach verdammt gut
Das ist wahrscheinlich der unangenehmste Teil der Diskussion.
Es gibt inzwischen KI-generierte Bilder, bei denen ich als Fotograf anerkennen muss: verdammt gut.
Und gleichzeitig gibt es Naturfotografien, die Preise gewinnen, bei denen ich gelegentlich denke: Das hätte ich nach zwei Flaschen Lagavulin möglicherweise auch noch fotografieren können.
Technik allein war eben noch nie Qualität.
Das gilt für eine Hasselblad, eine SINAR genauso wie für Photoshop, ChatGPT oder einen Bildgenerator. Wer ein Werkzeug besitzt, kann es deshalb noch lange nicht bedienen.
Und umgekehrt wird ein gutes Ergebnis nicht schlechter, nur weil das verwendete Werkzeug plötzlich einen Prozessor statt eines Pinsels besitzt.
„100 % handgemacht“ – das neue Qualitätssiegel?
1887 führte Großbritannien die Kennzeichnung „Made in Germany“ für deutsche Importwaren ein. Sie war ursprünglich keineswegs als Kompliment gedacht. Britische Käufer sollten erkennen können, woher die vermeintlich minderwertige Konkurrenz kam.
Bekanntlich ging die Sache etwas nach hinten los.
Aus der Warnung wurde mit der Zeit ein Qualitätssiegel.
Vielleicht passiert mit KI irgendwann etwas Ähnliches.
Während Unternehmen versuchen, durch künstliche Intelligenz schneller und besser zu arbeiten, entsteht möglicherweise auf der anderen Seite ein neuer Luxusmarkt:
„Von einem echten Menschen geschrieben.“
„Ohne künstliche Intelligenz fotografiert.“
„100 % handretuschiert.“
Vielleicht sitzen dann fünf Texter drei Tage an einem Unternehmensblog und schreiben anschließend stolz darunter:
„GARANTIERT KI-FREI.“
Kosten: 4.800 Euro.
Ergebnis: Liest trotzdem keiner.
Aber immerhin handgemacht.
Vielleicht erleben wir gerade sogar eine ausgesprochen amüsante Wiederholung der Geschichte.
Qualität braucht kein Wasserzeichen
Natürlich müssen wir uns über Täuschung unterhalten. Ein Maschinenbild darf keine Funktion zeigen, die die Maschine tatsächlich nicht besitzt. Ein Produkt darf nicht Eigenschaften suggerieren, die es nicht hat. Und wer einen Menschen künstlich etwas sagen oder tun lässt, was nie passiert ist, bewegt sich in einer völlig anderen Liga.
Genau diese rechtlichen und praktischen Fragen haben wir bereits in unserem ausführlichen Artikel zur KI-Kennzeichnung auf vom-hofe.de behandelt.
Aber wir sollten aufpassen, dass aus notwendiger Transparenz nicht automatisch ein Qualitätsurteil wird.
Denn die entscheidenden Fragen bleiben erstaunlich altmodisch:
Ist der Text richtig? Ist er interessant? Hilft er dem Leser? Transportiert das Bild die richtige Botschaft? Zeigt das Produkt das, was es tatsächlich kann? Wird niemand bewusst getäuscht?
Dann haben wir schon ziemlich viel richtig gemacht.
Ob dabei ein Fotograf, Photoshop, ChatGPT oder ein Bildgenerator geholfen hat, ist für die Qualität zunächst zweitrangig.
Denn Qualität lässt sich nicht kennzeichnen.
Sie zeigt sich.
Mit oder ohne KI.
